Wie können wir die Hochschule für Geflüchtete öffnen?

bermudagarten

Seit 2013 gibt es an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee kontinuierlich Projekte, die sich mit der Situation von Geflüchteten und Vertriebenen in Berlin beschäftigen. Dabei ging es von Anfang an darum, wie Flüchtlinge ihr Wissen und ihre Fertigkeiten in die Hochschule einbringen können: Das Projekt kommen und bleiben ermutigte Geflohene, in der Hochschule Vorträge zu halten. Ob es um arabische Kalligrafie ging oder persisches Teppichknüpfen – die Veranstaltungen stießen auf große Resonanz.

Als in der unmittelbaren Nachbarschaft der Hochschule in der Bühringstraße ein leerstehendes Bürogebäude in eine Flüchtlingsunterkunft verwandelt wurde, bekam die Frage, wie man die Hochschule für Geflohene öffnen könnte, eine unmittelbare Dringlichkeit. Nicht nur im übertragenen Sinne: Keiner der neuen Nachbarn überschritt die Stufe vor der Hochschule. Obwohl die verglaste Eingangshalle den Blick auf den Innenhof mit seinen Birnbäumen und im Gras lagernde Studierende freigibt, kam keiner der Geflüchteten herein. Die einladende Geste der transparenten Architektur – Nachkriegsmoderne des bosnischen Bauhäuslers Selman Selmanagic von 1956 – reicht offenbar nicht, um wirklich einladend zu sein.

Hinter der Kunsthochschule, zwischen Flüchtlingsunterkunft und Bürogebäuden, lag ein Ort, der auf den ersten Blick weitaus weniger einladend wirkte: Eine Brachfläche, grün im Frühling, vertrocknet im Spätsommer, durchkreuzt von Trampelpfaden. Vor einigen Jahren hatte es den Versuch der Hochschule gegeben, hier einen Garten mit Färbepflanzen anzulegen. Gemüse und Obst anzubauen verbot sich – der Boden gilt als kontaminiert. Hier stand einst eine Schokoladenfabrik.

Im Frühling 2015 begannen wir mit der Verwandlung der Brache in einen Garten. Noch ist er kein Idyll wie der mit Obstbäumen bestandene Rasen im Innenhof der Kunsthochschule. Aber er ist ein offener Ort. Ohne Zäune und vor allem mit viel Freiraum für Kreativität. Genutzt wird er nun von Studierenden, Flüchtlingen, Angestellten aus den umliegenden Büros. Wir nennen ihn bermudagarten. Gemeinschaftsgarten Der bermudagarten ist auf den ersten Blick nicht anders als andere Gemeinschaftsgärten. Im Mittelpunkt: ein knallroter Bauwagen, der sowohl Treffpunkt als auch Arbeitsraum ist. Davor, unter einem großen Vordach, ein langer Tisch, der zu ausgiebigen gemeinsamen Essen einlädt. Drumherum aus Paletten gezimmerte Hochbeete, ein kleines, einfach gebautes Gewächshaus. In allem steckt mehr Experimentierfreude und Leidenschaft als Kapital. Nicht anders als an anderen Stellen Berlins. Was den Garten aber auszeichnet, sind die Formen der Interaktion, die er mit den Geflüchteten und Anwohnern aus der Gegend geschaffen hat.

Zeichnen Bevor wir irgendeinen Handschlag taten, um den Garten anzulegen, bevor wir auch nur einen Nutzungsvertrag in unseren Händen hielten, haben wir auf dem relativ ebenen Teil der Brache gezeichnet. Mit Kreidepulver ins Gras. Ein großes Rechteck. Eine Linie durch die Mitte. Um den Mittelpunkt einen Kreis. An den kurzen Seiten des Rechtecks noch zwei kleine Rechtecke. Dort jeweils aufgestellt: zwei Rahmen aus Latten, die wir auf der Brache gefunden hatten. Die vorbeikommenden Hundebesitzer sahen am Vormittag, was sie aus dem Umfeld der Hochschule kennen: Kunststudierende. Die Flüchtlinge an den Fenstern der Unterkunft sahen: ein Fußballfeld. Schon am Nachmittag stieg das erste Spiel. Mit gemischten Mannschaften. Und anfeuerndem Gebrüll. Auf Deutsch, Arabisch, Schwedisch, Albanisch.

Fazit: Elf Linien und einen Kreis zu zeichnen, kann eine soziale Animation sein. Und: Wir hatten einen Maßstab für die Ökonomie unserer gestalterischen Mittel.

Tauschen In den folgenden Wochen entfalteten wir auf der Brache eine rege Bautätigkeit. Wir beschafften Muttererde und Bauholz, zimmerten Hochbeete, pflanzten erste Setzlinge und begannen, den gerade erworbenen Bauwagen auszubauen. Immer dabei: eine Schar Kinder und eine Gruppe Syrer, Iraker und Albaner, die fleißig mit uns bauten. Alles Männer. Frauen saßen abseits und sahen aus gegebener Entfernung zu. Ein großes Thema war in jenen Wochen landauf, landab das Sammeln von Spenden. Wir haben uns gegen Spenden entschieden. Spenden machen einen harten Unterschied zwischen denen, die großzügig sein können und denen, die Unterstützung brauchen. Spenden ist das Gegenteil von Augenhöhe.

Wir haben stattdessen im Garten einen Tauschmarkt veranstaltet. Für Flüchtlinge, Studierende und Nachbarn. Letztere waren dabei zum ersten Mal aktiv von der Partie. Wer etwas mitbrachte, konnte es eintauschen. Einen ausgelesenen Comic gegen ein paar rote Stöckelschuhe, Pelzmütze gegen Kinderwagen. Junge syrische und albanische Frauen begutachteten die angebotene Kleidung. Männer saßen bestenfalls abseits und sahen aus gegebener Entfernung zu. Gelegentlich wurden sie herangerufen. Die Hose könnte passen, oder ? Die Kinder machten aus dem Markt ein Kostümfest. Fazit: Wir haben eine routinierte Praxis – das Spenden – durchbrochen. Indem wir die Spielregeln veränderten, war es möglich, die eingespielten Rollen – Einheimische geben, Flüchtlinge nehmen – zu überwinden. Viel schwieriger ist es, Geschlechterrollen aufzubrechen. Bis heute nimmt bei uns keine der geflüchteten Frauen einen Akkuschrauber in die Hand. Aber ihre Männer lassen sich inzwischen von Produktdesignerinnen zeigen, wie man ihn richtig handhabt. Immerhin.

Übersetzen Zum Ende unseres ersten Gartenjahres erreichte uns eine ungewöhnliche Anfrage: Ob wir zusammen mit einer Gruppe Geflüchteter – hauptsächlich aus Westafrika und Eritrea – Bewerbungsunterlagen erstellen könnten. Einen Lebenslauf mit Foto, der Auskunft gibt über Qualifikationen. Praktisch, wenn man sich bewerben möchte, auf ein Praktikum oder eine Ausbildungsstelle. Etwas, das zeigt, dass man in Deutschland ankommen möchte und sich »integriert«. Das ist nicht viel. Aber vielleicht ein Argument, um eine Duldung zu verlängern.

Wir hatten den Aufwand unterschätzt und es war unser Glück, dass weniger Geflüchtete kamen als angekündigt. Um binnen einesTages fünf Lebensläufe zu erstellen, brauchte es sieben Studierende: Fünf, die jeweils einen Geflüchteten durch den Tag begleiteten, einen, der die Übersicht behielt und einen, der sich um Technik und Logistik kümmerte. Dazu kamen Übersetzer – je nachdem, welche Sprachen eine Rolle spielten – und ein bis zwei Experten für Asylrecht. Ihre Aufgabe war es zu überprüfen, ob die Lebensläufe Formulierungen enthielten, die sich für die Geflüchteten nachteilig auswirken könnten.

Es war schwierig. Aber am Ende des Workshops waren aus Erzählungen, handgeschriebenen Notizen und Zeugnissen, die in Plastikfolien durch die halbe Welt gereist waren, tatsächlich knapp zwanzig Lebensläufe geworden. Das Wichtigste dabei war: übersetzen. Die richtigen Worte finden. Es heißt nicht: Hat als Kind Vieh gehütet. Sondern: Mitarbeit im landwirtschaftlichen Familienbetrieb.

Ausblick Was wir in den Tagen des Workshops gelernt haben, schrieben wir auf und stellten es online. Der Wiki des bermudagarten enthält inzwischen viele Anleitungen. Wir haben unseren Bauwagen ausgebaut. Wir haben jede Woche mittwochs ein gemeinsames Essen der Hochschule veranstaltet. Wir haben einen Verein – den bermudagarten e.v. – gegründet. Sie können ihn unterstützen. Oder beitreten und mitmachen. Von hier aus gehen wir weiter.