Wie lassen sich Vorhänge aus Räumen, Formen, Farben und Geschichten rekonstruieren?

Ein Kommentar zur Farbe — Vorhangentwürfe für das Haus Schminke

Projektdetails

Thema: postcarbon
Untertitel: Wie lassen sich Vorhänge aus Räumen, Formen, Farben und Geschichten rekonstruieren?
Jahr: 2014
Fortschritt des Projekts: Abgeschlossen
Betreuer:
Galerie:

Das Haus Schminke im sächsischen Löbau wurde in den 1930er Jahren von dem Architekten Hans Scharoun für die Fabrikantenfamilie Schminke entworfen und gilt als Ikone des »Neuen Bauens«. Der Entwurf war gezielt auf die Bedürfnisse des Bauherrn zugeschnittenen und bezog die umliegende Natur und den Garten mit ein. Einen wichtigen Bestandteil der offenen Architektur bildeten die von der Bauhäuslerin Otti Berger gewebten Vorhänge, die am Abend eine zeltartige Stimmung erzeugten. Doch sie sind längst verschollen und es gibt auch keine genauen Informationen zu ihrer ursprünglichen Qualität und Farbigkeit.

 

Unser Kontakt zum Haus Schminke ergab sich durch einen Besuch der Lausitzer Leinenmanufaktur von Kleist, die bereits in Planungen für neue Vorhänge involviert war und uns in Kooperation mit der Stiftung Haus Schminke deren Entwicklung übertrug. Nun standen wir vor der Herausforderung eine »Balance« zwi- schen fehlendem Original und eigener Interpretation zu finden.

 

Eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Vorhänge spielte das Gesamtkonzept des Hauses – ein Zusammenspiel aus organischer Architektur und klaren, geometrischen Formen und Farben. Auch hier war das Bild lückenhaft, da die ursprüngliche farbige Innenraumgestaltung durch Umbau- und Renovierungsarbeiten weitgehend neutralisiert wurde. Die bei der Restaurierung im Jahr 2000 teilweise freigelegten, farbig gestalteten Wandsegmente boten uns neben Zeitzeugenaussagen, wissenschaftlichen Texten und historischen Fotografien nur grobe Anhaltspunkte.

 

Im Fokus unserer Recherchen standen vier Vorhänge im Erdgeschoss, von denen zwei eine raumtrennende Funktion übernahmen und zwei als Licht- und Sichtschutz dienten. Unser Ansatz lag darin, die funktionalen Eigenschaften der Textilien aufzugreifen, die die Materialwahl der originalen Vorhänge bestimmten.


Bei der Farbwahl konnten wir auf überlieferte Informationen zurückgreifen und übernahmen Naturtöne sowie die Farben Grau, Rot, Zartgelb in unser Gestaltungskonzept. Für die Entwürfe konstruierten wir handgefertigte Gewebe auf Muster-Schaftwebstühlen. Zur weiteren Gestaltung wurden Färbe-, Web- und Drucktechniken eingesetzt, darun- ter Ikat und Siebdruck. Inspirationen lieferten dabei die Web-Ästhetik des Bauhauses, aber auch formale Elemente der Scharounschen Architektur.


Unsere Entwürfe stellen den historischen Zustand zwar nicht wieder her, sind jedoch ein Kommentar zur vergangenen Farbigkeit und verweisen auf die einstige Raumgestaltung.