Kann man ein Material umdeuten?

The Descendent Forest – ein Experiment mit Braunkohle

Projektdetails

Thema: postcarbon
Untertitel: Kann man ein Material umdeuten?
Jahr: 2014
Fortschritt des Projekts: Abgeschlossen
Teilnehmer: Silvia Noronha
Betreuer:
Galerie:

Im Lauf des 19. und während des gesamten 20. Jahrhunderts wurden Kultur und Landschaft der Lausitz von der Braunkohleindustrie und dem ausgedehnten Tagebau geprägt. Braunkohle ist ein weiches, brennbares, Sediment aus natürlich zusammengepresstem Torf – ein Gemisch teilweise zerfallener tropischer Vegetation oder organischer Stoffe, die vor allem während des Karbon- und des Perm-Zeitalters eingeschlossen wurden.

Seit der Erfindung der Elektrizität haben der Abbau und die Nutzung von Kohle eine eindeutige ökonomische und kulturelle Bedeutung, die untrennbar verbunden ist mit ihrer Funktion als Energieträger. In diesem Projekt lag der Schwerpunkt jedoch darauf, die Bedeutung und den Zweck dieses Materials und seines Kontexts zu erweitern. Der Ausgangspunkt für die Idee, Kohle umzudeuten, war ihre lehmartige Konsistenz, die eine mögliche, aber völlig ungewöhnliche Verwendung als Werkstoff nahelegte.

Diesem Ansatz wurde in einer Reihe von Untersuchungen und Tests zu den spezifischen Eigenschaften des neuentdeckten Materials nachgegangen. Wie verhält es sich bei verschiedenen Brenntemperaturen und Brenndauern, wie lässt sich seine Formbarkeit beeinflussen, kann man es mit anderen Materialien mischen oder glasieren? So zeigte sich zum Beispiel, dass die Braunkohle bei kurzer Brenndauer zwar schon aushärtet, aber dunkel bleibt und ihre erdige, organische Erscheinung behält, in der die in ihr komprimierte, uralte Naturgeschichte noch deutlich zum Ausdruck kommt. Je länger sie gebrannt wird, desto heller wird sie und nähert sich immer mehr gebranntem Lehm oder Ton an.

The Descendant Forest möchte ein neues Nachdenken über den Wert, die Bedeutung und den Umgang mit Material anregen. Die Kohle, eine Millionen Jahre alte fossile Erdschicht, ist ein Teil des Lausitz-Szenarios. Indem ihre Bedeutung der Kohle neu definiert wird, ändert sich auch der Blick auf sie, bzw. sie wird überhaupt das erste Mal anders wahrgenommen. Damit kann auch eine neue Verbindung zur Region hergestellt werden.

Bei diesem Projekt geht es nicht um die Produktion von Gegenständen oder Artefakten. Es ist eher ein ästhetisches Experiment, das einen neuen Blick auf die alten pflanzlichen Fossilien wirft; aber auch auf Alternativen, wie man das lokale Material anders verwenden kann, in einer Zeit nach den großen geologischen Interventionen. Im Rahmen von Postcarbon können wir mit den Mitteln des Designs und zum Beispiel über Workshops andere Antriebskräfte für die Entwicklung der Lausitz aufdecken, durch eine ästhetische Neudefinition oder Erweiterung unserer Beziehung zum Vermächtnis der Braunkohle.